Warum nationale Bildungsstandards nicht weiterhelfen
Ein 10jähriger Grundschüler in Bayern ist nach dem vierten Schuljahr im Fach Deutsch einem gleichaltrigen Schüler im Saarland etwa 1 Jahr im Stoff voraus. Solche teilweise gravierenden Unterschiede in den Bildungssystemen der deutschen Bundesländer sollen mit der Einführung nationaler Bildungsstandards wieder ausgeglichen werden.
Insbesondere für die Fächer Deutsch und Mathematik wurde daher
festgelegt, was Kinder am Ende der Jahrgangsstufen 4, 9 und 10 können
sollen, bevor sie auf`s Gymnasium gehen, Hauptschulabschluss oder
mittlere Reife machen.
Um nun festzustellen, inwieweit diese Bildungsstandards erreicht
werden, braucht man wiederum einen nationalen Vergleichstest, der die
Ergebnisse der einzelnen Bundesländer erfasst. Neben PISA und IGLU
wurde daher jetzt auch noch Vera ins Leben gerufen. Das Kürzel steht
für nationale Vergleichsarbeiten, die zunächst an der Grundschule und
später in den Klassenstufen sechs und acht geschrieben werden sollen.
Vergleiche für die Schublade
Solche Vergleichsarbeiten gibt es bereits auf Länderebene. Sie heißen
im Saarland landeszentrale Vergleichsarbeiten, werden mit hohem organisatorischen und finanziellen Aufwand
Jahr für Jahr an unseren Schulen durchgezogen, korrigiert, an der Uni
wissenschaftlich ausgewertet und anschließend zu den Akten gelegt. Die
Ergebnisse, vor allem im Fach Mathematik, waren in den letzten Jahren
durchweg schlecht, teilweise katastrophal. Stark betroffene Schulen
können zwar für sich selbst entsprechende Schlussfolgerungen und
Konsequenzen ziehen, auf Unterstützung durch die saarländische
Landesregierung (z. B. durch die Einstellung zusätzlicher Lehrkräfte,
kleinere Klassengrößen und mehr Förderunterricht) warten sie allerdings
vergeblich. Seit diesem Schuljahr werden die Vergleichsarbeiten auf
Landesebene endgültig nur noch als unnötige Belastung angesehen: Vor
allem an den Gymnasien kam das Notenbild durch die Tests so sehr ins
Wanken, dass Bildungsministerin Kramp-Karrenbauer (CDU) sich veranlasst sah, die Vergleichsarbeiten nicht mehr als Klassenarbeiten
anzuerkennen. Die Motivation, solche Arbeiten vorzubereiten, zu
schreiben und zu korrigieren, hält sich seither für Lehrer wie Schüler
stark in Grenzen. Bessere Ergebnisse rücken in noch weitere Ferne.
Hauptschüler für den nationalen Vergleich nicht zugelassen
Vergleichstests in welcher Form auch immer, sind für unsere
Bildungspolitiker nur dann gut, wenn daraus kein konkreter
Handlungsbedarf abgeleitet werden muss. Ist dies dennoch der Fall, wird
getrickst und ignoriert, nicht nur landesweit, sondern auch auf
Bundesebene. Wenn es um`s Vertuschen geht, sind sich die Länder dann
auch schnell einig. Weil Lernstandserhebungen von Hauptschülern
teilweise verheerende Ergebnisse zu Tage gebracht haben, wollen die
Kultusminister der Länder nun deren Leistungen voraussichtlich bis zum
Jahre 2015 kurzerhand von den Messungen der nationalen
Bildungsstandards für allgemeinbildende Schulen ausschließen. Was das
Messergebnis verschlechtert, wird einfach nicht gemessen.
Doch selbst dann, wenn jedes Bundesland die Leistungen seiner Schüler
penibel dokumentiert, werden daraus noch lange nicht die nötigen
Konsequenzen gezogen. Der letzte und entscheidende Schritt ist die
Finanzierung konkreter erforderlicher Maßnahmen. Doch damit sieht es
schlecht aus. Den größten Nachholbedarf haben gerade die
finanzschwachen Länder wie das Saarland. Eine Verpflichtung zur
Einhaltung der nationalen Bildungsstandards kann von ihnen nicht
erzwungen werden. Es wird also weiterhin zwar fleißig gemessen. Doch
die Sau wird ja bekanntlich allein vom Wiegen nicht fetter. Der
Flickenteppich der deutschen Bildungslandschaft bleibt uns nach wie vor
erhalten. Er wird durch das Messen und Wiegen nur noch teurer als
bisher.
Arno Malburg
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