Würden Sie im Saarland einer großen Koalition zustimmen?
Wer SPD oder CDU wählt, wählt noch lange nicht die große Koalition. Bei der letzten Bundestagswahl wurde darüber nicht lange nachgedacht. CDU/CSU und SPD gaben sich ziemlich schnell das Ja-Wort, um zu verhindern, dass die Linke an der Regierung beteiligt wird. Ob die Wähler dies so wollten, danach hat niemand gefragt. Nun wird es ja im Saarland wahrscheinlich nach der Landtagswahl am 30. August zu einer ähnlichen Situation kommen. Wählerinnen und Wähler der beiden großen Volksparteien CDU und SPD müssen damit rechnen, dass es auch im Saarland zur großen Koalition kommt. Im Gegensatz zu den Parteien fragen wir deshalb nach, ob Sie das auch wirklich wollen ....
 
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Samstag, 28. Juni 2008

 

Ein gigantischer Verdrängungsprozess

 

amDie katastrophalen Prüfungsergebnisse in Mathematik haben auch in diesem Jahr wieder einen öffentlichen Aufschrei verursacht. Sofort wird nach den Schuldigen gesucht. Und die sind - wie sollte es auch anders sein - mal wieder die bösen Lehrer, die ihre Schüler nicht optimal vorbereiten.

Das ist eine Begründung, die im Einzelfall zutreffen mag, ansonsten aber den Kern des Problems geflissentlich übersieht. Denn immer mehr Kinder sind von ihrer geistigen und sozialen Entwicklung her nicht mehr in der Lage, den altersgemäßen Leistungsanforderungen gerecht zu werden. Die Folge für die Schulen ist ein ungeheurer Verdrängungsprozess.

Immer mehr schwache und verhaltensauffällige Schüler

Erfahrene Lehrkräfte wissen, dass Unterricht von Jahr zu Jahr schwieriger wird. Es liegt an der ständig steigenden Zahl von verhaltensauffälligen und extrem leistungsschwachen Schülern. Beide Eigenschaften fallen in der Regel in einer Person zusammen. Waren solche Schüler in früheren Jahren noch eher die Ausnahme, sind sie heute in vielen Klassen die Regel und stellen im Klassen- oder Kursverband den überwiegenden Anteil dar. Diese Entwicklung zeigt sich verstärkt an den saarländischen Gesamtschulen und Erweiterten Realschulen, macht aber auch inzwischen vor den Gymnasien nicht mehr halt. Es ist ein Trend, der von den betroffenen Lehrkräften spürbar erfahren, von den politisch Verantwortlichen hingegen geleugnet oder ignoriert wird.

Lehrkräfte müssen es ausbaden

Lehrer geraten so in eine Zwickmühle. Denn sie sollen möglichst viele gute Schulabschlüsse produzieren, obwohl das entsprechende Schülerpotential dafür nicht vorhanden ist. Schulleitungen sind immer an einer guten Bilanz interessiert. Das wertet die Schule auf in der Öffentlichkeit und beim Ministerium. Die Lehrer müssen solche Eitelkeiten ausbaden. Sie unterrichten Schüler, bei denen nicht einmal annäherungsweise die Voraussetzungen für die im Lehrplan geforderten Unterrichtsziele gegeben sind. So muss z.B. ein Deutschlehrer von seinen Schülern verlangen, dass sie eine Inhaltsangabe schreiben, obwohl bei der Mehrzahl noch nicht einmal die Grundfähigkeit vorhanden ist, zusammenhängende, grammatisch richtige und vollständige Sätze zu verfassen. Von der Rechtschreibung ganz zu schweigen. Und die Jahr für Jahr wachsenden Unterrichtsstörungen tragen zusätzlich dazu bei, dass man mit dem Stoff nicht richtig voran kommt.

Vom Sinn und Unsinn der Drittel-Grenze

Es bleibt den Lehrkräften also nichts anderes übrig, als die Messlatte möglichst tief zu hängen. Dafür sorgt allein schon der so genannte Drittel-Paragraph im saarländischen Erlass zu Klassen- und Kursarbeiten. Wenn mehr als ein Drittel einer Klassenarbeit schlechter als „ausreichend“ bewertet wird, kann nach Ansicht des Arbeitgebers nur der Lehrer dran schuld sein und die Arbeit muss wiederholt werden. Man kann zwar bei der Schulleitung einen Antrag stellen, um die Arbeit dennoch zu werten. Aber solche Anträge sind nicht gern gesehen und werden auch nur selten genehmigt. Lehrkräfte passen sich daher an das Niveau der Klasse an und machen ihre Noten so, dass die Drittelgrenze eingehalten wird. Diese Drittelregelung gibt es im Saarland schon seit Urzeiten. Kein Bildungspolitker hat sich bisher gefragt, ob sie immer noch zeitgemäß ist. Die Drittelgrenze hat wesentlich dazu beigetragen, dass Leistungsanforderungen seit Generationen kontinuierlich zurückgeschraubt wurden.

Abschlüsse, die nichts wert sind

Ein weiterer Beitrag zur allgemeinen Verflachung liegt im System der Notengebung selbst begründet. So muss es zum Beispiel überraschen, wenn im 15-Punkte-Notensystem bereits mit 4 Punkten ein Ausreichend erzielt wird. Beliebt ist außerdem die Praxis des Aufrundens. Die guten Lehrer sind die schülerfreundlichen. So kann es durchaus vorkommen, dass ein Schüler allein durch mehrfaches Aufrunden der Noten über einen Zeitraum von zwei Jahren zu einer Prüfungsvornote kommt, die um eine gesamte Stufe höher liegt als dies ohne Runden der Fall gewesen wäre. Auf diese Weise kommt es dann natürlich oft zu extremen Unterschieden zwischen Vornote und erzielter Prüfungsnote, inbesondere in einem Fach wie Mathematik, wo nicht viel Ermessensspielraum bei der Bewertung gegeben ist. Es ist also nicht verwunderlich, wenn Arbeitgeber immer größere Schwierigkeiten haben, geeignete Ausbildungskräfte zu finden. Die Bewerber können zwar Abschlüsse vorweisen, doch diese Abschlüsse sind oft nicht das Papier wert, auf dem sie stehen.

Arno Malburg


 
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